Harry Houdini wurde 1874 in Budapest der Junge Erich Weiß geboren. Sein Vater war strenggläubiger Rabbiner und wanderte kurz nach der Geburt mit seiner Familie nach Amerika aus. Nach der Grundschule wurde der Junge in der Fabrik Richters Sons zur Lehre geschickt, die Panzerkassen herstellte. Eines Tages soll sich folgender Vorfall zugetragen haben: Als der Chef des Unternehmens seiner Belegschaft eine neue Erfindung vorgestellt hatte, ein besonders schwer zu knackendes Panzerschloss, war lediglich Erich Weiß in der Lage, das Schloss zu öffnen. Nun hätte man denken können, der Chef des Unternehmens hätte den Jungen fortan besonders gefördert. Doch das Gegenteil geschah: Er entließ ihn! Und wir können ihm dafür dankbar sein, denn sonst wäre aus Erich Weiß vielleicht niemals Harry Houdini geworden.
Ohne genau zu wissen, was er tun sollte, schloss sich Houdini einer umherfahrenden Gauklertruppe an. Sein Interesse für Magie war bereits durch die Bücher des französischen Zauberers Robert Houdin geweckt worden, den er sehr bewunderte. Während der nun folgenden Zeit eignete er sich zielstrebig viele Fähigkeiten an, die für einen angehenden Bühnenzauberer unverzichtbar waren. In Anlehnung an sein bewundertes Vorbild nahm er den Künstlernamen Houdini an.
Die Hauptgründe für seinen Erfolg lagen in seinen umfassenden Kenntnissen über die Funktionsweise von Schlössern begründet, zum anderen in seinem harten, ausdauernden Training, das ihn jeden Tag zu neuen Höchstleistungen anspornte. 1906 zum Beispiel ließ sich der Entfesselungskünstler in eine Mörderzelle im Staatsgefängnis Washington einsperren. Nach knapp zehn Minuten war Houdini entkommen. Ein Zeitungsbericht aus der damaligen Zeit wirft ein besonderes Licht auf Houdinis körperliche Fähigkeiten: „Er packt mit beiden Händen die Gitterstäbe, reißt sie mit einem kurzen Ruck auseinander und schlüpft mit dem Oberkörper hindurch. Dabei pressen ihn die Stäbe unterhalb des Brustkorbes bis auf fünfzehn Zentimeter zusammen! Ein zweiter Ruck, und er schiebt sich in die nächste Gittergarnitur...“ Bei einer solchen Beschreibung kann man es fast mit der Angst zu tun bekommen, und man fragt sich natürlich, ob hier nicht etwas übertrieben wird.
Harry Houdini begnügte sich in seinem Programm nicht mit Kunststücken, die es bereits gab, sondern dachte sich ständig originelle neue Nummern aus. Es war sein Ziel, sich selbst permanent zu übertreffen und dem hungrigen Publikum immer wieder aufs Neue noch unglaublichere Effekte zu präsentieren, als beim letzen Mal. Selbst seine Freude und nahen Vertrauten wussten nicht, wie er seine Kunststücke zuwege brachte, zum Beispiel wenn er sich vor aller Augen aus einem Glaskasten befreite oder sich in einer großen Holzkiste ins Hafenbecken versenken ließ, um innerhalb kürzester Zeit aus ihr zu entkommen.
Wie viele andere erfolgreiche Zauberer wusste Houdini genau, wie wichtig eine entsprechende Vermarktung war. Kam er in eine neue Stadt, führte er sich regelmäßig mit einem Reklametrick ein, der ihm für gewöhnlich reichlich Publikum bescherte. 1921 zum Beispiel präsentierte er sich mit folgendem Kunststück dem New Yorker Publikum: Houdini ließ sich von seinen Zuschauern verschiedene Taschentücher auf die Bühne reichen, die er vor den Augen aller Gäste verbrannte. Dann teilte er seinen Zuschauern mit, er werde jetzt mit ihnen auf die Straße hinausgehen, um die Tücher zu suchen. Zuerst glaubte man an einen Scherz, aber tatsächlich stand draußen bereits eine ganze Reihe von Bussen bereit, in die die Zuschauer hinein verfrachtet wurden. Die Busse fuhren zum Hafen, wo bereits ein gechartertes Schiff bereit stand, das sich mit allen Gästen auf zur Freiheitsstatue machte. Währenddessen wurde ein Komitee gebildet, das die Insel stellvertretend für alle anderen betreten sollte und tatsächlich fand man hoch oben auf der Freiheitsstatue eine zusammengeschweißte Schatulle aus Stahl, und in ihr, als man sie öffnete, die Taschentücher aus dem Publikum. Für die Zeitungen war das natürlich ein gefundenes Fressen. Das Kunststück muss Houdini viel Geld gekostet haben, aber mit Sicherheit zahlte es sich aus!
Nicht weniger spektakulär waren lebensgefährliche Stunts, etwa wenn er sich kopfüber von einem Wolkenkratzer herunterhängen ließ oder man ihn an einen Fallschirm gefesselt aus einem Flugzeug warf. Immer gelang es ihm, sich aus seiner Lage zu befreien, und mochte sie noch so hoffnungslos erscheinen.
Allerdings gelang ihm das nicht immer, wie folgender Bericht zeigt. Houdini hatte in einem großen New Yorker Hotel eine Vorstellung gegeben und wollte sich im Anschluss daran mit einigen Pressevertretern treffen. Doch der Zauberer tauchte nicht auf. Schließlich meldete ein Hoteljunge dem Direktor, dass ein Mann auf der Toilette dringend aber diskret darum bat, einen Mechaniker zu holen... Was für ein Pech! Ausgerechnet Houdini hatte eine Toilette mit einem defekten Münzschloss erwischt - und ein Fenster, durch das er hätte hinausklettern können, gab es in dem Raum auch nicht.
Spektakulär wie sein Leben war auch Houdinis Tod. In der Universität von Montreal hatte er einen Vortrag über Geisterbeschwörung, Spiritismus und Schwindelmedien gehalten und kombinierte diesen mit einigen praktischen Demonstrationen, wobei die Studenten sich persönlich von der Festigkeit seiner Bauchmuskulatur überzeugen lassen konnten. Als er seine Jacke wieder anziehen wollte, stieß ein Student der Medizin aus dem dritten Semester mit einem harten, aber festen Schlag gegen seinen Unterleib. Wäre Houdini darauf vorbereitet gewesen, hätte es ihm sicherlich nichts ausgemacht. So aber machte die durch den Schlag erfolgte Verletzung eine sofortige Blinddarmoperation notwendig, von der sich Houdini nicht mehr erholte. An den Folgen des Unfalls verstarb er am 31. Oktober 1926.